Alles ist erleuchtet
Alles ist erleuchtet
Der ukrainische Übersetzer Alex liebt die Frauen und das Geld. Den Mann, den er später liebevoll seinen “Helden” nennen soll, kann er am Anfang nicht gar so richtig leiden. Der “Held” ist in die Ukraine gekommen, um seine eigene Vergangenheit und die seines Großvaters, der im Zweiten Weltkrieg hier von einer Frau gerettet worden war, aufzuspüren. Alex “bekümmert” den “verwöhnten Juden”, fährt mit ihm im Schlepptau seines Großvaters und der Promenadenmischung Sammy Davis jr. jr. in einem
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(out of 51 reviews)
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August 12th, 2010 at 6:15 pm
Review by hartmutw for Alles ist erleuchtet
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Aus drei formell und sprachlich getrennten Perspektiven schildert Foer in seinem hochgelobten Debut die – fiktive – Geschichte eines jüdischen Schtetls in der Ukraine sowie seine von zwei ukrainischen Reiseführern begleitete Suche nach diesem Ort und dem Menschen, der seinen Großvater vor dem Holocaust gerettet hat. Während der Reise kommen die3 sich näher und bemerken, dass die Vergangenheit noch präsenter ist, als sie es schon geahnt hatten.
Während Foer die Geschichte des Schtetls in klassicher Erzählform beschreibt, lässt er die Reise selbst von seinem jungen Führer Alex in schrägem Filserenglisch aus der Ich-Perspektive schildern. Zusätzlich beschreibt er die Entwicklungen nach der Reise sowie die Verfassung des Buches selbst als Briefroman, eine wahre Vielfalt an Formen!
Zwar habe ich Foers hoch gelobten Erstling gerade nach nur3 oder 4 Tagen ausgelesen, bin aber trotz des Zuges, den das Buch in einzelnen Passagen entfachen könnte, nicht vollends überzeugt von seinen Qualitäten: Zu schmal ist mitunter der Grad zwischen Stil, Sprachwitz und recht teenagerähnlichem Slapstick, der eher grummeln als grinsen macht.
Auch das so gelobte holprige Englisch (bzw. Deutsch), das Foer seinem Helden in den Mund legt, macht zwar einige der dunklen Passagen über die Vernichtung des fiktiven Schtetls Trachimbrod und seiner Bewohner durch die Nazis etwas leichter verdaulich, führt aber an einigen anderen Stellen leider zu einer Verflachung des Buches.
Zum Ende hin schließlich verstrickt sich Foer doch arg in den verschiedenen Schicksalen der beiden Großväter und Augustine – zu viele angedeutete Fäden verlaufen sich wieder ohne zu einer klareren Sicht der Dinge zu führen. Auf wenigen Seiten wird etwa noch Alexs (des Enkels) charakterliche Reifung gestreift, auch das wirkt etwas beliebig.
Außerdem fand ich es schade, dass Foer sich zum Ende hin nicht um eine klarer Erzählstruktur bemühen konnte oder wollte und nur noch durch diverse Handlungsstränge zu taumeln scheint. Das Buch liest sich insofern zwar recht flüssig und größtenteils unterhaltsam, hinterlässt aber am Ende leider auch Ratlosigkeit. Wenn schon literarische Vergleiche gezogen werden müssen, dann bitte zu Franzens auch nicht ganz geglückten Anfängen wie etwa ‘Die 27. Stadt’ oder ‘Schweres Beben’. Ganz oben angekommen ist Foer mit diesem munteren Roman aber noch nicht.
August 12th, 2010 at 7:11 pm
Review by for Alles ist erleuchtet
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Ein Roman, zwei Erzähler, drei Erzählebenen, vier Themen – kann so etwas überhaupt gutgehen? Ja, es kann, denn Foer hat alles, was ein Schriftsteller braucht, um die sich gestellte Aufgabe mit Bravour zu meistern. Er verfügt über die nötigen Einfälle, den nötigen Sprachreichtum. Er verfügt über Stilsicherheit und Stringenz in Komposition und Umsetzung. Er besitzt die Gabe, sich selbst zurückzunehmen und einzig seine Figuren die Geschichte erzählen zu lassen. Vor allem aber hat er das Entscheidende: ein einfaches Thema, aus dem heraus er durch die Art der Beschreibung Ungeahntes zu entwickeln vermag.
Worum es oberflächlich geht: ein junger Amerikaner reist 1997 in die Ukraine, um dort das Dorf zu besuchen, in dem sein jüdischer Großvater einst gelebt hat. Gleichzeitig versucht er, die Frau zu finden, der sein Großvater angeblich die Rettung vor den Nazi-Schergen zu verdanken hat. Begleitet wird er auf dieser Suche von einem jungen Ukrainer, der als Dolmetscher fungiert, und dessen Großvater, der die beiden fährt.
Diese Autofahrt ist jedoch viel mehr als eine Reise an die ukrainisch-polnische Grenze. Sie ist eine Reise in die Vergangenheit: sie führt in die Welt jener Schtetl, die im II. Weltkriegs ausgelöscht wurden, und in die Geschichte ihrer jüdischen Bevölkerung. Sie ist eine Reise in die persönliche Vergangenheit des Alten und eine Reise der Handelnden zu sich selbst.
Mal heiter und leicht, mal ernst und beklemmend, nie slapstickhaft und nie belehrend, immer gekonnt komponiert – so gelingt es Foer, einen virtuosen Bogen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu schlagen.
Doch das Buch ist noch etwas. Es ist ein Buch über die Liebe – die Liebe zu den Menschen mit all ihren Wirklichkeiten und Träumen, ihrer Traurigkeit und Freude, den kleinen Begebenheiten ihres Alltags und den Skurrilitäten ihrer Charaktere, ihrer Vergangenheit, ihrer Erinnerung, ihrer Liebe und ihrem Leid, zu ihren Freundschaften untereinander – über die Liebe zum Leben.
In einer der schönsten Episoden des Buches wird geschildert, wie die Liebe Menschen glühwürmchengleich leuchten läßt, wie dieses Licht langsam in den Weltraum steigt und dort eines Tages von Astronauten als kleiner Lichtpunkt wahrgenommen werden kann. Und deshalb gilt, solange es Menschen gibt, auch auf einer oftmals furchtbaren, grausamen und unwirtlichen Welt: „Alles ist erleuchtet”.
August 12th, 2010 at 7:15 pm
Review by Ossiwan for Alles ist erleuchtet
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Was man Foer vorwerfen kann: Eine weitere amerikanische Familiengeschichte im Zuge von Franzen und Eugenides, nur diesmal in der Ukraine. Ein Plagiat von Marquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit”. Eine Aufarbeitung der Holocaustverbrechen der Nazis, wie bei Kertéz. Alles das mag stimmen. Aber trotzdem ist „Alles ist erleuchtet” anders.Zuerst einmal der Aufbau der Erzählstruktur. Es sind drei Erzählstile, der Briefroman des ukrainischen Übersetzers Alex, der Familienroman des Hauptdarstellers Jonathan und die Reisebeschreibung ebenfalls von Alex. Diese drei Stile prägen von Anfang an das Buch und sind auch bis zum Ende stilistisch konsequent getrennt.
Alex schreibt in einer Sprache, die vielleicht im englischen Original sehr originell sein mag, in der deutschen Übertragung aber oft sehr gekünstelt wird und bereits zu Beginn abschreckt. Man sollte sich aber eben nicht abschrecken lassen, da man sich mit der Zeit daran gewöhnt und auch die Fremdsprache für Alex leichter wird, je mehr er schreibt. Hier findet Foer einen interessanten Weg. Die Sprachen der beiden Erzähler werden sich mit Fortgang des Romans immer ähnlicher, vermischen sich mehr und mehr.Ebenso werden die Gedankengänge der Erzähler einander ähnlicher. Ist Alex zu Beginn hauptsächlich daran interessiert sich selbst im besten Licht und seine hervorragende Männlichkeit zu beschreiben, so wird er mit der Zeit immer offener, immer nachdenklicher, seine eigene Geschichte fließt immer mehr in die fiktionale mit ein. Jonathan hingegen beschreibt 300 Jahre in einem ukrainischen Dorf aus dem seine Vorfahren stammen, bevor sie vor den Nazis in die USA flüchteten. Dieses Schtetl wird mit sehr viel Phantasie geschildert und es passieren alle erdenklichen Unmöglichkeiten darinnen.Dieser Aufbau steuert auf einen Klimax hin, der unvermeidlich ist und dann auch eintritt. Die zunehmende Nähe der Erzähler vermengt sich und löst dann alle Fäden der Handlung auf.Was man Foer trotz allem vorwerfen kann. Er packt alle Arten an literarischem Schreiben in diesen Roman. Nichts wird ausgelassen, egal ob Schriftgrößen, eingesprenkelte dramatische Dialoge, Tagebucheintragungen, Lautsprache, experimentelles Schreiben. Das mag sehr erfrischend sein, aber auch sehr nervend (um mit Alex’ Sprache zu reden). Alles in allem aber ein durchwegs interessantes und packendes Debüt, vielleicht zu sehr in den Himmel gelobt.
August 12th, 2010 at 7:31 pm
Review by Thomas Liehr for Alles ist erleuchtet
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“Held” dieses Romans, wie er von seinem jungen Reiseführer Alex zunächst
abschätzig, dann liebevoll genannt wird, ist der Autor selbst, Foer,
amerikanischer Jude mit Wurzeln in der Ukraine. Die Suche nach diesen
Wurzeln hat tatsächlich stattgefunden und wird in diesem Buch auf sehr
eigenartige Weise literarisch aufbereitet.In Begleitung von Alex, dessen Großvater und einem permanent furzenden
Hund namens Sammy Davis jr. jr. begibt sich der “Held” auf eine Odyssee
durch die Ukraine, seine stoppeligen Felder, die zementenen Städte, die
verwaisten Dörfer, von denen die meisten im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden
gleichgemacht wurden. Das Buch beschreibt in einem Handlungsstrang, den Alex erst in schwachem
Englisch (in der Übersetzung natürlich in Deutsch), durchsetzt von vielen
liebevollen Fehlern und falsch eingesetzten Idiomen, später stilsicherer
und prägnanter erzählt, von der seltsamen Fahrt der drei, die erst wenig
miteinander anfangen können und sich nach und nach schätzen lernen, ihren
Begegnungen, den kleinen Widrigkeiten, mit denen in diesem etwas
abseitigen Land während einer Zwischenzeit gerechnet werden muß. So nimmt
ein überaus komischer Dialog mit einer Kellnerin, der leider – wie viele
Stellen des Buches – ein wenig in den Slapstick abgleitet, fast zwei
Seiten ein – niemand in der Ukraine begreift, was ein Vegetarier ist, und
warum. Der zweite Handlungsstrang erzählt aus “Heldensicht” die fiktive
Geschichte des halbjüdischen “Schtetls” Trachimbrod, des Örtchens, der
vermeintlich der Ursprung von Foers Familie ist. Diese überbordende, fast
märchenhafte, leider aber auch oft deutlich überzogene Historie bietet
viele amüsante, herzliche, ergreifende und dramatische Episoden,
präsentiert seine skurillen Bewohner und ihre “urjüdischen” Schrullen,
hauptsächlich die schöne, von allen geliebte, aber zur Liebe unfähige
Brod, die Wassergeborene, ein Findelkind, das aus der Strömung des Flusses(namens Brod) auftauchte, nachdem ein fahrender Händler (namens Trachim)
mit Sack und Pack in selbigen gestürzt war. Die Historie des Örtchens
bricht, als Brod stirbt, und wird zweihundert Jahre später, in den
Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts fortgesetzt, mit dem promisken
Großvater des Helden, dem Angriff der Nazis, der Vernichtung aller Juden,
ihrer Angst, ihrem gegenseitigen Verrat.Dritter Handlungsstrang ist ein Briefwechsel zwischen Alex und seinem
“Helden”, wobei nur die Briefe des ukrainischen Reiseführers wiedergegeben
werden, des jungen Mannes, der so gerne nach Amerika möchte, Geld liebt
und schöne Frauen, “erstklassige” Nachtclubs und seinen Bruder,
Klein-Igor, vor allem aber, in bewundernder Liebe, den “Helden”.Das Buch ist nicht leicht zu lesen, hat seine Längen, aber auch seine
Tiefen, amüsiert häufig, verwirrt manchmal, liefert tiefe Einblicke, aber
auch ausgewalzte Vorurteile, wirkt an vielen Stellen dicht, an vielen
anderen lakonisch-distanziert, manchmal bemüht amüsant. Die Geschichte des
“Schtetls” hat etwas von einem Provinztheater, die Geschichte des
Großvaters trägt viele Elemente, deren Bedeutung sich nicht offenbart. Der
Schluß ist dramatisch, ergreifend, fast erschlagend. Eine feine, überlegt
konstruierte, unterhaltsame Lektüre, stilistisch von großer
Eigenständigkeit, die nachdenklich stimmt, zum Lächeln und Seufzen bringt,
aber das Versprechen des Titels nicht vollständig einlöst.
August 12th, 2010 at 7:55 pm
Review by Bernhard Taschner for Alles ist erleuchtet
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Selten hat mich ein Buch so tief bewegt wie dieses. Jonathan Safran Foer zeichnet mit witziger und lebendiger Sprache, die gleichzeitig durch sich selbst die Fehlbarkeit des Menschen zum Ausdruck bringt, ein schmerzliches und zugleich versöhnliches Bild von Verantwortung und Schuld über alle Generationen hinweg. Kein Film über den Holocaust kann wiedergeben, was dieses Buch mit Worten beschreibt. Allein durch das letzte Drittel wird dieses Werk zur Weltliteratur. Und dass das ein junger zwanzigjähriger Amerikaner geschrieben hat, gibt mir gerade in diesen Tagen soviel Hoffnung; denn er zeigt, dass nur wir Menschen selber unser Geschick bestimmen und wir alles zum Guten wenden können, wenn alles erleuchtet ist.